Regenschirme als Risikopotential

Obwohl das Wort "Risiko" seit mehreren Jahrhunderten bekannt und geläufig ist, ist der Begriff unklar geblieben. (...) Aber warum hat man im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit ein neues Wort gesucht und in unbekannten, vermutlich arabischen Quellen gefunden? Worte für Gefahr standen selbstverständlich zur Verfügeng. Neu aber zumindest für Seefahrer und Pilzsammler nicht ganz neu! war nur die Anforderung, Gefahr als Gegenstand und als Folge einer eigenen Entscheidung zu sehen.

Also liegt es nahe, mit der Klärung dadurch zu beginnen, daß man Gefahr und Risiko unterscheidet. Als Gefahr kann man jede nicht allzu wahrscheinliche negative Einwirkung auf den eigenen Lebenskreis bezeichnen, etwa die Gefahr, daß ein Blitz einschlägt und das Haus abbrennt. Von Risiko sollte man dagegen nur sprechen, wenn die Nachteile einer eigenen Entscheidung zugerechnet werden müssen. Das Risiko ist mithin, anders als die Gefahr, ein Aspekt von Entscheidungen, eine einzukalkulierende Folge der eigenen Entscheidung. Würde man anders entscheiden, würde man das Risiko vermeiden vielleicht auf Kosten eines anderen Risikos.

(...)

Die Unterscheidung von Gefahren und Risiken macht sogleich klar, daß die technologische Entwicklung, auch wenn sie in sich selbst ungefährlich wäre, zu einem Anschwellen der Risiken führt. Sie transformiert Gefahren in Risiken einfach dadurch, daß sie vorher nicht gegebene Entscheidungsmöglichkeiten schafft. Wenn es Regenschirme gibt, kann man nicht mehr risikofrei leben: Die Gefahr, daß man durch Regen naß wird, wird zum Risiko, das man eingeht, wenn man den Regenschirm nicht mitnimmt. Aber wenn man ihn mitnimmt, läuft man das Risiko, ihn irgendwo liegen zu lassen.



Zitat nach:
Niklas Luhmann,
Die Moral des Risikos und das Risiko der Moral,
in: Gotthard Bechmann (ed.), Risiko und Gesellschaft.
Grundlagen und Ergebnisse interdisziplinärer Risikoforschung;
Opladen 1997, 327 ff.





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