Der Sinn des Ganzen und eines jeden Partikels erschließt sich einem nicht auf den ersten Blick. Doch steckt in jeder Schale Suppe der Sinn des Lebens und zudem das Gesetz, welches alles in Gang hält, gleich der ersten Iteration eines Fraktals.

Suppe beginnt immer mit einer Art Brühe, die dem sanften Strom der Tage gleicht, der unser Leben ausmacht. Eine einfache Brühe? Oh ja. Manchmal sind Nudeln in der Brühe, manchmal Gemüse, Eiweißstückchen, Hühner- oder Shrimp-Fleisch, Pilze, vielleicht Reis. Manchmal ist sie heiß, manchmal kalt. Manchmal soll sie kalt sein und dann ist sie trotzdem gut, auch wenn nicht das geringste bißchen Wärme darin ist. Aber wenn sie nicht kalt sein soll, dann wird sie bitter schmecken oder im Magen gerinnen oder beides. Bedenke, bevor die Suppe gegessen wird, hat sie einen Zweck. Nachdem sie gegessen ist, ist sie für alle wertlos, außer für denjenigen, der sie verzehrt hat. Und was die Erfüllung ihres Zweckes angeht, so hat sie aufgehört zu existieren. Zurück bleibt nur die leere Schale, was entweder Wunsch oder Bedürfnis symbolisieren kann oder die Vorfreude auf weitere Suppen, welche die Zukunft bringt.

Und so wie bei einem Fraktal, das auf einer scheinbar banalen Grundgesetzmäßigkeit basierend, ungeahnte Ausmaße und faszinierende Strukturen annehmen kann, eine Iteration aus der vorherigen hervorgeht, so steckt auch in einer scheinbar trivialen Schale heißer Suppe die für den geistigen Horizont der Suppe unvorstellbare Macht, einen unterkühlten und hungrigen Menschen zu wärmen und zu sättigen. Denn panta rhei, alles fließt, und so kann die Suppe ihrer Bestimmung nur unter der Aufopferung ihrer selbst nachkommen, und dies auch nur innerhalb einer begrenzten "Aktivitätsphase", nämlich ehe sie erkaltet. Ist sie kalt, ist sie nutzlos. Doch um nützlich zu sein, muß sie sich selbst aufopfern, sie muß den höchsten aller Preise zahlen, sie muß sich selbst und ihre Existenz aufgeben. Panta rhei, alles fließt, und es werden sein andere Suppen und es werden sein andere Hungernde und Frierende, doch ihre Gestalt wird eine andere sein. Eine andere Gestalt? Nun, ein Hungernder muß nicht ein hungernder Mensch sein, eine Suppe muß keine heiße Mahlzeit sein, nein, es ist eher das Prinzip einer Nahrungskette gemeint, in der jeder Speisender und zugleich Speise ist, und dieses Prinzip läßt sich in ihrer Komplexität theoretisch ad absurdum führen.

Aber was heißt das für uns? Was heißt das für mich? Bin nicht auch ich nur eine Schale Suppe? Sind wir alle vielleicht nur eine Gulaschkanone, darauf wartend, unseren Zweck zu erfüllen, Hunger zu stillen? Ja! Zugegeben, wir befinden uns einige Iterationen weiter als die Schale mit Suppe, aber in Relation zum gesamten Fraktal ist der Unterschied quasi null.

Müssen auch wir unseren Zweck erfüllen, ehe wir erkalten? Oder sind wir auch kalt noch von Nutzen? Und wenn nicht, wie wissen wir, wann der Moment gekommen ist, an dem wir zum Wohl des Ganzen (oder eher "zum Wohl der nächsten Iteration") dahingerafft werden müssen, damit auch das Intermezzo unseres nihilistischen Daseins seiner Bestimmung nachkommen kann?


by Tilo2300




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